„Was war und was wird“ – Blick in den Spiegel

von | 9. Mai 2026 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen — Shake­speares Ham­let hat´s gewusst, Mar­ga­ret Steenfatt auch und Mar­tin Luther sowie­so: Erkennt­nis­ge­winn ist Resul­tat von Kon­fron­ta­ti­on. Weni­ger kryp­tisch aus­ge­drückt: Wer Men­schen einen Spie­gel vor­hält, der ver­än­dert (mög­li­cher­wei­se) ihr Ver­hal­ten. Das Autoren­paar Lutz Hüb­ner und Sarah Nemitz muss das so oder so ähn­lich im Kopf gehabt haben, als sie das Thea­ter­stück „Was war und was wird“ zu Papier brach­te. In die­sem geht es um das mit­tel­al­te Ehe­paar Anke und Theo, das wäh­rend eines han­dels­üb­li­chen Thea­ter­be­suchs so aller­lei unwich­ti­gen Kram aus­dis­ku­tiert. Ob Fak­to­ren wie das „zu teu­re Pro­gramm­heft“, das „unnö­ti­ge Par­ken vor der Haus­tür“ oder die Fra­ge, „was der Sohn heu­te Abend mit sei­ner Freun­din macht“ – nichts davon eig­net sich per se zur Ker­n­er­in­ne­rung. Aber das ist eben typisch für lang­jäh­ri­ge Bezie­hun­gen, in denen sich Kom­mu­ni­ka­ti­on nach und nach abnutzt, das Inter­es­se anein­an­der abflaut und die Lei­den­schaft häu­fig einer gewis­sen All­tags­tris­tesse bzw. Ernüch­te­rung weicht. „Was war und was wird“ begnügt sich jedoch nicht damit, den frus­trier­ten Ehe­leu­ten den Spie­gel vor­zu­hal­ten und sie ein wenig Kathar­sis füh­len zu las­sen. Viel­mehr parkt der Plot einen DeLo­re­an mit Flux­kom­pen­sa­tor im Büh­nen­raum und lässt Anke und Theo außer­dem ein paar ver­stoh­le­ne Bli­cke in die gemein­sa­me Ver­gan­gen­heit und Zukunft wer­fen. Das Din­kels­büh­ler Lan­des­thea­ter hat das kom­ple­xe Stück inter­pre­tiert und in der Gun­zen­häu­ser Stadt­hal­le im Rah­men der 49. Thea­ter­spiel­zeit auf die Büh­ne gebracht.

Eine Part­ner­schaft über vie­le Jah­re hin­weg leben­dig zu hal­ten, das ist gar nicht so ein­fach. Das sagt nicht nur Kon­fu­zi­us, son­dern das mer­ken auch Anke und Theo, deren auf­pop­pen­de Erin­ne­rungs­fet­zen Sta­tio­nen und Momen­te zei­gen, in denen das Leben eine schick­sals­haf­te Wen­dung mit Ein­fluss auf die indi­vi­du­el­le Rest­le­bens­zeit nahm. Etwa der Ken­nen­lern­pro­zess in der Stu­di­en­zeit, die ers­te gemein­sa­me Woh­nung oder die unge­plan­te Schwan­ger­schaft beim ers­ten Kind – es sind die­se per­sön­li­chen, ganz inti­men Gedan­ken, die dem Paar unmiss­ver­ständ­lich zei­gen, dass sie älter gewor­den sind und die ein oder ande­re Bezie­hungs­kur­ve durch­aus geschmei­di­ger hät­ten neh­men kön­nen. Immer wie­der zer­flie­ßen sie in Selbst­mit­leid wegen ver­pass­ter Chan­cen ohne zu wis­sen oder mit Kon­se­quenz zu über­le­gen, ob ein alter­na­ti­ver Weg wirk­lich bes­ser gewe­sen wäre. Selt­sam muten daher ein­zel­ne Pas­sa­gen an, in denen ein gel­lend hel­ler Spot Anke und Theo ein­fängt und die­se Mono­lo­ge über beson­ders prä­gen­de Erin­ne­run­gen hal­ten lässt. Dabei stellt sich her­aus: Beson­ders die Jugend kann ein gefähr­li­cher Ort sein, das zeigt nicht nur eine Miss­brauchs­schil­de­rung Ankes, son­dern auch die Altherren-„ich-verführe-die-junge-Babysitterin“-Phantasie The­os.

Mar­gret Gil­gen­rei­ner als Anke und Tho­mas Weber als Theo spie­len ihre Parts her­vor­ra­gend, sie sind über­aus wand­lungs­fä­hig und über­zeu­gen in ihrer Rol­le. Die ein­zel­nen Sta­tio­nen ihrer „Bezie­hung im Schnell­durch­lauf“ mar­kie­ren sie haupt­säch­lich mit­tels musi­ka­li­scher (Stich­wort: „Lieb­lings­songs“) und opti­scher Zäsu­ren. Da wech­seln Jacken, Haar­bän­der und Klei­der, es ist eine Freu­de den bei­den detail­ver­lieb­ten Künst­lern beim Ver­klei­den zuzu­se­hen. Ein Geheim­nis bleibt frei­lich bis zuletzt, war­um ver­ba­le Vul­gär­spit­zen die ansons­ten sprach­lich recht kul­ti­vier­ten Pro­vo­ka­tio­nen unan­ge­nehm über­rei­zen. Viel­leicht ist es ein ver­stoh­le­ner Hin­weis dar­auf, dass die Erin­ne­run­gen nicht immer 100%ig wahr sein müs­sen und die ein oder ande­re Schil­de­rung des Paars nicht mehr veri­fi­zier­bar ist.

Durch­aus nach­voll­zieh­bar dar­ge­stellt und zudem sehr gelun­gen umge­setzt ist der the­ma­ti­sche Bezug von „Was war und was wird“ zu Fried­rich Schil­lers „Kaba­le und Lie­be“. Zur Erin­ne­rung: Fer­di­nand und Loui­se arbei­ten sich an ihrer Lie­be zuein­an­der ab und stre­ben dies­be­züg­lich nach fast gött­li­cher Per­fek­ti­on. Natür­lich steckt Blas­phe­mie in die­ser Absicht und so kommt es wie es kom­men muss: Tra­gö­die und Zer­stö­rung des Para­die­ses, typisch Sturm und Drang-Dra­ma eben. Eine Inter­pre­ta­ti­on des Lie­bes­paars „Fer­di­nand und Loui­se“ hat­te das Din­kels­büh­ler Lan­des­thea­ter nach Gun­zen­hau­sen mit­ge­bracht. In signal­ro­ten Kos­tü­men ganz nach höfi­schen Ste­reo­ty­pen gestal­tet und dick geschminkt, zitier­ten Yan­nik Dirk­sen und Leo­nard Grae­ber berühm­te Pas­sa­gen aus des Dich­ter­fürs­tens Werk. Natür­lich in kon­trä­rer Wir­kung zum „Was war und was wird“-Ursprungsplot. Letz­te­rer domi­niert schließ­lich und lässt die klas­si­sche Lie­bes­ge­schich­te – auch buch­stäb­lich – auf der Büh­ne ster­ben. Unter den Klän­gen von Beet­ho­vens 7. Sin­fo­nie a‑Dur op. 92 ver­hei­ßen Fer­di­nand und Loui­se die spä­te­re Kata­stro­phe. „Ver­än­de­rung nur ist das Salz des Lebens!“

Hat­te der Blick zurück im Publi­kum noch den ein oder ande­ren Lacher pro­vo­ziert, so blieb wäh­rend der Zukunfts­sze­nen sel­bi­ger meist im Hal­se ste­cken. Denn Theo wird end­gül­tig zum mau­len­den Mis­an­thro­pen, wird dazu job­tech­nisch weg­ra­tio­na­li­siert und zeigt ers­te Sym­pto­me von Alz­hei­mer. Von Ver­lust­ängs­ten geplagt, küm­mert er sich den­noch auf­op­fe­rungs­voll um sei­ne mitt­ler­wei­le krebs­kran­ke Anke. Deren minu­ten­lan­ger Solo-Toten­tanz war zwar eine inter­es­san­te Alle­go­rie auf die Ver­gäng­lich­keit des Lebens, pass­te aber auf­grund sei­ner über­zo­ge­nen Thea­tra­lik nur semi-gut zur Auf­füh­rung. Älter­wer­den ist sicher nichts für Feig­lin­ge, doch ein wenig mehr „Opti­mis­mus“ hät­te nicht gescha­det. Das Thea­ter­stück ist scho­nungs­los und zeigt gegen Ende hin eine Rea­li­tät, an der Frau oder Mann nicht unbe­dingt teil­neh­men möch­te.

„Was war und was wird“ war der Abschluss der 49. Gun­zen­häu­ser Thea­ter­spiel­zeit. Die Jubi­lä­ums­aus­ga­be 50 beginnt am Sams­tag, 17. Okto­ber 2026 mit der aus dem Fern­se­hen bekann­ten Komö­die „Haus­meis­ter Krau­se“ mit Tom Ger­hardt in der Haupt­rol­le. Nähe­re Infor­ma­tio­nen erhal­ten Sie unter www.gunzenhausen.info oder unter Tel.: 09831/508 109 (E‑Mail: kulturamt@gunzenhausen.de).

Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser