Gunzenhausen — Shakespeares Hamlet hat´s gewusst, Margaret Steenfatt auch und Martin Luther sowieso: Erkenntnisgewinn ist Resultat von Konfrontation. Weniger kryptisch ausgedrückt: Wer Menschen einen Spiegel vorhält, der verändert (möglicherweise) ihr Verhalten. Das Autorenpaar Lutz Hübner und Sarah Nemitz muss das so oder so ähnlich im Kopf gehabt haben, als sie das Theaterstück „Was war und was wird“ zu Papier brachte. In diesem geht es um das mittelalte Ehepaar Anke und Theo, das während eines handelsüblichen Theaterbesuchs so allerlei unwichtigen Kram ausdiskutiert. Ob Faktoren wie das „zu teure Programmheft“, das „unnötige Parken vor der Haustür“ oder die Frage, „was der Sohn heute Abend mit seiner Freundin macht“ – nichts davon eignet sich per se zur Kernerinnerung. Aber das ist eben typisch für langjährige Beziehungen, in denen sich Kommunikation nach und nach abnutzt, das Interesse aneinander abflaut und die Leidenschaft häufig einer gewissen Alltagstristesse bzw. Ernüchterung weicht. „Was war und was wird“ begnügt sich jedoch nicht damit, den frustrierten Eheleuten den Spiegel vorzuhalten und sie ein wenig Katharsis fühlen zu lassen. Vielmehr parkt der Plot einen DeLorean mit Fluxkompensator im Bühnenraum und lässt Anke und Theo außerdem ein paar verstohlene Blicke in die gemeinsame Vergangenheit und Zukunft werfen. Das Dinkelsbühler Landestheater hat das komplexe Stück interpretiert und in der Gunzenhäuser Stadthalle im Rahmen der 49. Theaterspielzeit auf die Bühne gebracht.
Eine Partnerschaft über viele Jahre hinweg lebendig zu halten, das ist gar nicht so einfach. Das sagt nicht nur Konfuzius, sondern das merken auch Anke und Theo, deren aufpoppende Erinnerungsfetzen Stationen und Momente zeigen, in denen das Leben eine schicksalshafte Wendung mit Einfluss auf die individuelle Restlebenszeit nahm. Etwa der Kennenlernprozess in der Studienzeit, die erste gemeinsame Wohnung oder die ungeplante Schwangerschaft beim ersten Kind – es sind diese persönlichen, ganz intimen Gedanken, die dem Paar unmissverständlich zeigen, dass sie älter geworden sind und die ein oder andere Beziehungskurve durchaus geschmeidiger hätten nehmen können. Immer wieder zerfließen sie in Selbstmitleid wegen verpasster Chancen ohne zu wissen oder mit Konsequenz zu überlegen, ob ein alternativer Weg wirklich besser gewesen wäre. Seltsam muten daher einzelne Passagen an, in denen ein gellend heller Spot Anke und Theo einfängt und diese Monologe über besonders prägende Erinnerungen halten lässt. Dabei stellt sich heraus: Besonders die Jugend kann ein gefährlicher Ort sein, das zeigt nicht nur eine Missbrauchsschilderung Ankes, sondern auch die Altherren-„ich-verführe-die-junge-Babysitterin“-Phantasie Theos.
Margret Gilgenreiner als Anke und Thomas Weber als Theo spielen ihre Parts hervorragend, sie sind überaus wandlungsfähig und überzeugen in ihrer Rolle. Die einzelnen Stationen ihrer „Beziehung im Schnelldurchlauf“ markieren sie hauptsächlich mittels musikalischer (Stichwort: „Lieblingssongs“) und optischer Zäsuren. Da wechseln Jacken, Haarbänder und Kleider, es ist eine Freude den beiden detailverliebten Künstlern beim Verkleiden zuzusehen. Ein Geheimnis bleibt freilich bis zuletzt, warum verbale Vulgärspitzen die ansonsten sprachlich recht kultivierten Provokationen unangenehm überreizen. Vielleicht ist es ein verstohlener Hinweis darauf, dass die Erinnerungen nicht immer 100%ig wahr sein müssen und die ein oder andere Schilderung des Paars nicht mehr verifizierbar ist.
Durchaus nachvollziehbar dargestellt und zudem sehr gelungen umgesetzt ist der thematische Bezug von „Was war und was wird“ zu Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“. Zur Erinnerung: Ferdinand und Louise arbeiten sich an ihrer Liebe zueinander ab und streben diesbezüglich nach fast göttlicher Perfektion. Natürlich steckt Blasphemie in dieser Absicht und so kommt es wie es kommen muss: Tragödie und Zerstörung des Paradieses, typisch Sturm und Drang-Drama eben. Eine Interpretation des Liebespaars „Ferdinand und Louise“ hatte das Dinkelsbühler Landestheater nach Gunzenhausen mitgebracht. In signalroten Kostümen ganz nach höfischen Stereotypen gestaltet und dick geschminkt, zitierten Yannik Dirksen und Leonard Graeber berühmte Passagen aus des Dichterfürstens Werk. Natürlich in konträrer Wirkung zum „Was war und was wird“-Ursprungsplot. Letzterer dominiert schließlich und lässt die klassische Liebesgeschichte – auch buchstäblich – auf der Bühne sterben. Unter den Klängen von Beethovens 7. Sinfonie a‑Dur op. 92 verheißen Ferdinand und Louise die spätere Katastrophe. „Veränderung nur ist das Salz des Lebens!“
Hatte der Blick zurück im Publikum noch den ein oder anderen Lacher provoziert, so blieb während der Zukunftsszenen selbiger meist im Halse stecken. Denn Theo wird endgültig zum maulenden Misanthropen, wird dazu jobtechnisch wegrationalisiert und zeigt erste Symptome von Alzheimer. Von Verlustängsten geplagt, kümmert er sich dennoch aufopferungsvoll um seine mittlerweile krebskranke Anke. Deren minutenlanger Solo-Totentanz war zwar eine interessante Allegorie auf die Vergänglichkeit des Lebens, passte aber aufgrund seiner überzogenen Theatralik nur semi-gut zur Aufführung. Älterwerden ist sicher nichts für Feiglinge, doch ein wenig mehr „Optimismus“ hätte nicht geschadet. Das Theaterstück ist schonungslos und zeigt gegen Ende hin eine Realität, an der Frau oder Mann nicht unbedingt teilnehmen möchte.
„Was war und was wird“ war der Abschluss der 49. Gunzenhäuser Theaterspielzeit. Die Jubiläumsausgabe 50 beginnt am Samstag, 17. Oktober 2026 mit der aus dem Fernsehen bekannten Komödie „Hausmeister Krause“ mit Tom Gerhardt in der Hauptrolle. Nähere Informationen erhalten Sie unter www.gunzenhausen.info oder unter Tel.: 09831/508 109 (E‑Mail: kulturamt@gunzenhausen.de).
Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Grosser


