Zwischen Verstrickung und Resistenz — Protestantismus und Nationalsozialismus

von | 7. November 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

… unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung des Deka­nats Wei­ßen­burg — Vor­trag mit Kir­chen­rat Dr. Björn Men­sing am 14.11.2024

(red). Das Evan­ge­li­sche Bil­dungs­werk Jura-Alt­mühl­tal-Hah­nen­kamm ver­an­stal­tet einen Vor­trag, der das The­ma „Zwi­schen Ver­stri­ckung und Resis­tenz — Pro­tes­tan­tis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung des Deka­nats Wei­ßen­burg“ auf­greift.
Hier­zu konn­te mit Hil­fe von Pfar­rer i.R. Johan­nes Sperl (wohn­haft in Geis­lo­he) Kir­chen­rat Dr. Björn Men­sing (Pfar­rer und His­to­ri­ker — Evan­ge­li­sche Ver­söh­nungs­kir­che in der KZ-Gedenk­stät­te Dach­au) gewon­nen wer­den.

Bereits in sei­ner viel­be­ach­te­ten Münch­ner Dis­ser­ta­ti­on “Pfar­rer und Natio­nal­so­zia­lis­mus — Geschich­te einer Ver­stri­ckung am Bei­spiel der Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che in Bay­ern” (1. Auf­la­ge Göt­tin­gen 1998) kam Björn Men­sing zu dem Ergeb­nis, dass zahl­rei­che Theo­lo­gen Weg­be­rei­ter der Macht­über­tra­gung an Hit­ler waren, indem sie zur Stär­kung der Inte­gra­ti­ons­kraft des Natio­nal­so­zia­lis­mus bei­tru­gen. Eini­ge erhiel­ten im „Drit­ten Reich“ für ihre „Ver­diens­te“ in der „Kampf­zeit“ (Wei­ma­rer Repu­blik) das Gol­de­ne Par­tei­ab­zei­chen der NSDAP. Ande­rer­seits erwie­sen sich nicht weni­ge Pfar­rer im „Kir­chen­kampf“ als Weg­be­rei­ter par­ti­el­ler Resis­tenz gegen den Tota­li­täts­an­spruch des NS-Regimes, für eini­ge mit gra­vie­ren­den Fol­gen bis hin zu KZ-Haft. Fried­rich von Praun, NS-kri­ti­scher Jurist und Direk­tor der Lan­des­kir­chen­stel­le in Ans­bach, starb 1944 im Nürn­ber­ger Gefäng­nis als Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus.

Wei­ßen­burg gehör­te schon in der Wei­ma­rer Repu­blik zu den Hoch­bur­gen des Völ­ki­schen Blocks bzw. der NSDAP, die 1930 bei den Reichs­tags­wah­len in der Stadt die rela­ti­ve Mehr­heit der Stim­men erhielt. Eine davon kam von Pfar­rer Hein­rich Kalb (1887–1974), der bereits 1928 in die NSDAP ein­ge­tre­ten war. Ab 1931 enga­gier­te er sich auch öffent­lich für die Par­tei, in den Wahl­kämp­fen 1932 und 1933 trat er als Par­tei­red­ner auf. Dabei leg­te er nach einem Zei­tungs­be­richt „in über­zeu­gen­der Wei­se dar, war­um wir Chris­ten Natio­nal­so­zia­lis­ten sein kön­nen, ja sein müs­sen.“ Der in Wei­ßen­burg leben­de Ruhe­stands­pfar­rer Karl Kel­ber (1862–1954) emp­fahl eben­falls öffent­lich die Wahl Hit­lers bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932. Ein jun­ger Pfar­rer aus dem Deka­nats­be­zirk Wei­ßen­burg, seit 1932 NSDAP-Mit­glied, sprach am 9. Novem­ber 1932 bei der Toten­ge­denk­fei­er der Wei­ßen­bur­ger NSDAP-Orts­grup­pe im evan­ge­li­schen Ver­eins­haus. In der NS-Zeit wur­de Wei­ßen­burg zu einer Hoch­burg der „Deut­schen Chris­ten“, die die evan­ge­li­sche Kir­che ideo­lo­gisch und insti­tu­tio­nell völ­lig gleich­schal­ten woll­ten — in Bay­ern gelang ihnen das nicht, Lan­des­bi­schof Hans Mei­ser konn­te sich behaup­ten und die Lan­des­kir­che aus Sicht der „Beken­nen­den Kir­che“ (BK) intakt hal­ten, bei poli­ti­schen Zuge­ständ­nis­sen. In ohn­mäch­ti­ger Wut über die Nie­der­la­ge in der hei­ßen Pha­se des baye­ri­schen Kir­chen­kamp­fes im Herbst 1934 ent­lud sich der Unmut der „Deut­schen Chris­ten“ (DC) in Wei­ßen­burg im April 1935 in einem vier­tä­gi­gen Tumult. Den Dekan Wal­ter von Löf­fel­holz bedroh­ten DC-Zusam­men­rot­tun­gen vor dem Deka­nat mit Rufen wie „Vater­lands­ver­rä­ter!“ und „Dich räu­men wir weg!“. Das Bezirks­amt brach­ten die DC dazu, die Ordi­na­ti­on von drei BK-Vika­ren in Wei­ßen­burg durch den Ans­ba­cher Kreis­de­kan (Regio­nal­bi­schof) Georg Kern zu ver­bie­ten, die Vika­re wur­den sogar zeit­wei­se in „Schutz­haft“ genom­men.

Nach dem Ende der NS-Herr­schaft fan­den sich bei der „Ent­na­zi­fi­zie­rung“ dann im Deka­nats­be­zirk Wei­ßen­burg vier Pfar­rer mit NSDAP-Mit­glied­schaft. Hein­rich Kalb gehör­te zu den weni­gen reni­ten­ten DC-Pfar­rern, die von der Kir­chen­lei­tung zwangs­wei­se vor­zei­tig in den Ruhe­stand ver­setzt wur­den.

Die Ver­an­stal­tung fin­det am Don­ners­tag, 14. Novem­ber 2024 um 19:00 Uhr im Söl­ler des Alten Rat­hau­ses, Wei­ßen­burg in Koope­ra­ti­on mit dem Fran­ken­bund Wei­ßen­burg e.V., dem His­to­ri­schen Stamm­tisch Wei­ßen­burg und So fremd? — So nah? Ver­ein für inter­kul­tu­rel­le Begeg­nung e.V. Treucht­lin­gen statt.

Der Ein­tritt ist kos­ten­los, es ist kei­ne Anmel­dung not­wen­dig.

Bild­un­ter­schrift: Refe­rent KR Dr. Björn Men­sing; Foto: Dr. Björn Men­sing