Abschluss der Gunzenhäuser Theaterspielzeit 23/24 – „Und wenn wir alle zusammenziehen?“

von | 13. Mai 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). Sie ist gna­den­los effek­tiv und radi­kal, die­se jun­ge Gene­ra­ti­on! Zukunfts­fra­gen wer­den igno­riert, an rea­len Pro­ble­men wird digi­tal gear­bei­tet. Mit ihrem Tem­po setzt sie eher auf flüch­ti­ge Momen­te, als auf lang­fris­ti­ge Pro­zes­se. Da bleibt für die Alten kaum noch Platz. Will­kom­men im Gene­ra­tio­nen­kon­flikt. Die Freun­de Jean­ne, Annie, Clau­de, Albert und Jean bekom­men ihr fort­ge­schrit­te­nes Alter im Thea­ter­stück „Und wenn wir alle zusam­men­zie­hen?“ gna­den­los vor Augen geführt. Die Gesell­schaft will sie nicht mehr haben und so beschlie­ßen die fünf Cha­rak­ter­köp­fe eine Wohn­ge­mein­schaft zu grün­den. Dass das nicht nur Frie­de-Freu­de-Eier­ku­chen bedeu­tet, davon konn­te sich das Publi­kum am letz­ten Sams­tag­abend in der Gun­zen­häu­ser Stadt­hal­le über­zeu­gen. Dort wur­de die Komö­die als Büh­nen­ad­ap­ti­on nach dem fran­zö­si­schen Kino­film von Sté­pha­ne Robe­lin gezeigt.

Selbst als Polit­ak­ti­vist Jean dem Poli­zis­ten auf der Demo eine Fla­sche an den Rücken wirft, wird er von die­sem igno­riert. Sein Freund Albert ist an vor­ders­ter Front dabei, lei­det aber unter fort­ge­schrit­te­ner Demenz und ver­gisst des­we­gen ganz, ihn auf­grund des Miss­erfolgs zu bemit­lei­den. Und Clau­de, eben­falls am Start, bekommt wegen der gan­zen Auf­re­gung einen Herz­in­farkt und bleibt auf der Stra­ße lie­gend zurück. An einem ande­ren Ort zur glei­chen Zeit plant die schwer krebs­kran­ke Jean­ne ihre Beer­di­gung und Annie möch­te vor dem Abtre­ten noch mög­lichst oft ihre Enkel sehen. Eine tief­ge­hen­de Ent­schei­dung wird getrof­fen: Wenn dich die Welt nicht mehr braucht, dann hilft viel­leicht ein selbst­er­rich­te­ter Mikro­kos­mos. Die­ser fin­det sich im Haus von Annie und Jean, das als Alters­re­si­denz für die Fünf her­hal­ten soll.

Mit Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und typisch fran­zö­si­schem Augen­zwin­kern erzählt Anna Bechsteins Büh­nen­ad­ap­ti­on von „Und wenn wir alle zusam­men­zie­hen?“ vie­le All­tags­ge­schich­ten. Alte sind eben auch nur Men­schen, der geis­ti­ge und/oder kör­per­li­che Ver­fall zwingt jedoch zur Anpas­sung und gegen­sei­ti­ger Hil­fe­leis­tung. Jeder WG-Bewoh­ner hat sei­ne Marot­ten und über­haupt ist das gemein­sa­me Woh­nen gewöh­nungs­be­dürf­tig. Für das außen­ste­hen­de Publi­kum gibt´s dem­entspre­chend viel zu lachen, so setzt der ver­gess­li­che Albert schon mal das Haus unter Was­ser, Marx-Fan Jean hadert mit dem deka­den­ten Pool, den sei­ne Frau Annie in den Gar­ten bau­en lässt und Jean­ne möch­te unbe­dingt in einem pin­ken Sarg beer­digt wer­den. Zwi­schen den Zei­len herrscht viel Trau­rig­keit, denn letzt­lich will die Alten kei­ner haben. Sie sind Aus­ge­sto­ße­ne, von der jun­gen Gesell­schaft Ver­ges­se­ne. Das tut weh, Erin­ne­run­gen an frü­her sind zeit­wei­se das Weni­ge, was als Treib­stoff für das Mor­gen übrig­bleibt. Im Fal­le vom demenz­kran­ken Albert bleibt nicht mal das, selbst den Tod sei­ner Frau kann er nicht im Kopf behal­ten.

Der jun­ge Eth­no­lo­gie­stu­dent Dirk, er wohnt eben­falls im Haus, ist das Schar­nier, wel­ches jun­ge und alte Gene­ra­ti­on zusam­men­hält. Er ver­sucht Schnitt­men­gen bei­der Wel­ten her­aus­zu­ar­bei­ten. Und es gibt sie tat­säch­lich, die­se gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­den The­men­fel­der. Lei­der redu­ziert der Plot die­se auf Sexua­li­tät, dem befremd­li­chen Wunsch nach per­ma­nen­ter Extro­ver­tiert­heit und der ver­zwei­fel­ten Suche nach einer letz­ten Bewah­rung von Indi­vi­dua­li­tät. Wich­ti­ge Fra­gen wer­den aus­ge­klam­mert, bei­spiels­wei­se nach einem alter­na­ti­ven, viel­leicht auf­klä­ren­den Leit­bild vom Alter, sinn­vol­ler Kol­lek­ti­vie­rung oder der Archi­vie­rung von Wis­sen. Als die locke­re Jean­ne Dirks Bezie­hung anhand der Körb­chen­grö­ße sei­ner Freun­din bewer­tet… hier wird es schon arg plump. Dazu war die Sze­ne unnö­tig.

Die Schau­spiel­rie­ge, ange­fan­gen bei Ursu­la Busch­horn als Jean­ne, Michel Guil­laume als Clau­de und Ursu­la Ber­ling­hof als Annie spie­len exzel­lent und sehr nuan­cen­reich. Die fünf Freun­de har­mo­nie­ren präch­tig, die Gespräch sind authen­tisch und meist rea­li­täts­nah. Das detail­lier­te Büh­nen­bild ist Extra­klas­se und besteht aus beweg­li­chen, dreh­ba­ren Ein­hei­ten. Es kon­tras­tiert in sei­ner Fle­xi­bi­li­tät mit der abneh­men­den Mobi­li­tät der älte­ren Gene­ra­ti­on. Der Über­gang vom Film zum Thea­ter funk­tio­niert per­fekt, die schnel­len Schnit­te kom­pen­siert die Büh­nen­ar­chi­tek­tur. Dazu sind eini­ge Sze­nen sehr kurz und tem­po­reich, das Publi­kum wähnt sich im Kino.

„Und wenn wir alle zusam­men­zie­hen?“ ist ein als hei­te­re Komö­die getarn­tes tief­trau­ri­ges Dra­ma. Am Ende des Stücks sitzt die ihrem Krebs­lei­den erle­ge­ne Jean­ne auf ihrem pin­ken Sarg. Geklei­det im signal­ro­ten Toten­hemd hält sie ein Sekt­glas in der Hand und blickt teil­nahms­los in die unbe­stimm­te Fer­ne. Ihr umtrie­bi­ger Ehe­mann Albert sucht sie wie­der ein­mal ver­zwei­felt. Er hat ver­ges­sen, dass sie gestor­ben ist. Die Alten-WG hilft ihm zum x‑ten Mal bei der Suche. Eine Sze­ne, die berührt und viel­leicht ein wenig Hoff­nung geben kann. Wer sich der End­lich­keit des Lebens bewusst ist, kann die­ses auch genie­ßen.

Die Gun­zen­häu­ser Thea­ter­spiel­zeit 23/24 fand ein gran­dio­ses Ende. Das neue Pro­gramm steht schon fest, los geht es am Sonn­tag, den 13. Okto­ber 2024, um 19.30 Uhr mit dem Lite­ra­tur­sch­man­kerl „Moby Dick“. Kar­ten gibt´s über die Tou­rist Infor­ma­ti­on oder das städ­ti­sche Kul­tur­bü­ro unter www.gunzenhausen.infokulturamt@gunzenhausen.de oder Tel.: 09831 508 109.

Fotos: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser