Deutschland und Europa in einer Welt globaler Krisen

von | 19. Juli 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red).  Deutsch­land und Euro­pa befin­den sich der­zeit in einer Welt glo­ba­ler Kri­sen. Dr. Ingo Fried­rich sieht der­zeit vor allem vier aku­te Kri­sen, deren Bewäl­ti­gung durch die Poli­tik, aber auch Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ansteht.

1. Die zer­bro­che­ne euro­päi­sche Frie­dens­ga­ran­tie und die neue mul­ti­po­la­re Welt­ord­nung

70 Jah­re lang war klar, in Euro­pa gibt es kei­nen Krieg mehr. Die­se wun­der­ba­re Sicher­heit wur­de durch den Angriffs­krieg Putins bru­tal zer­stört. Und vie­le Men­schen befürch­ten nun, dass alles ins Rut­schen kommt. Ich hof­fe und glau­be, dass kei­ne der Groß­mäch­te dar­an inter­es­siert ist, die­sen Kon­flikt aus­zu­wei­ten. Im worst case wür­de das bedeu­ten, dass der Kon­flikt in den nächs­ten Mona­ten ein­ge­fro­ren wird und so wie ande­re Kon­flik­te zwar nicht wirk­lich gelöst aber in einem „kal­ten Zustand“ erstarrt. Ähn­li­ches gilt für den Zypern­kon­flikt und die Zustand Nord/Südkorea. Das wäre zwar kei­ne idea­le Lösung aber die Welt könn­te damit irgend­wie leben und in unser Euro­päi­sches Leben und Arbei­ten könn­te wie­der eine gewis­se Nor­ma­li­tät ein­tre­ten.

Und: in der zukünf­ti­gen nicht mehr bipo­la­ren, son­dern mul­ti­po­la­ren Welt­ord­nung wer­den die welt­weit agie­ren­de Gross­mäch­te wie Chi­na, USA oder (noch) Russ­land nicht mehr eine so her­aus­ra­gen­de Rol­le spie­len. Viel­mehr wer­den Bünd­nis­se von Staa­ten­grup­pen wie G 7, BRICS, Euro­päi­sche Uni­on, NATO, ASEAN eine ganz neue und grö­ße­re Bedeu­tung bekom­men. Die euro­päi­sche Zusam­men­ar­beit in der EU liegt inso­fern voll im Trend der Geschich­te. Wo frü­her gro­ße Staa­ten klei­ne­re Nach­barn auf­so­gen um selbst grö­ßer zu wer­den, müs­sen sie heu­te Nach­barn umwer­ben um deren frei­wil­li­ge Mit­ar­beit zu errei­chen.

2. Das neue Selbst­be­wusst­sein von Min­der­hei­ten

Vie­len Bür­gern berei­tet es Angst und Sor­ge, dass heu­te vie­le Min­der­hei­ten mit einem ganz ande­ren Selbst­be­wusst­sein auf­tre­ten und damit in den Medi­en nahe­zu domi­nant erschei­nen. Man den­ke nur an den Chris­to­pher Street Day, an die Kli­makle­ber, tür­ki­sche Erdoğan Anhän­ger, peo­p­le of Color und so wei­ter. Wo frü­her die schnel­le Anpas­sung und die Inte­gra­ti­on in die Mehr­heits­mei­nung und ‑Gesell­schaft im Mit­tel­punkt stand da, wol­len heu­te vie­le Min­der­hei­ten in ihrem „anders sein“ sozu­sa­gen offi­zi­ell aner­kannt und gewür­digt wer­den. Sie tre­ten manch­mal mit auch einem gewis­sen Sen­dungs­be­wusst­sein auf, das von vie­len Bür­gern als unpas­send ver­stan­den wird.

Hier wird von uns allen, gera­de auch ange­sichts des Tem­pos der Ent­wick­lung, ein ziem­lich gigan­ti­scher Lern­pro­zess erwar­tet. Auch in die­sem Fall hof­fe und erwar­te ich, dass nicht nur die Zeit Wun­den heilt, son­dern dass eine gewis­se Gelas­sen­heit, ja eine gewis­se Sou­ve­rä­ni­tät um sich greift, damit alle Betei­lig­ten ler­nen, takt­voll tole­rant und mit etwas Ver­ständ­nis gegen­über dem anders Den­ken­den auf­zu­tre­ten. Die­se neue Tole­ranz soll­te nicht nur die Mehr­heit gegen­über den Min­der­hei­ten üben, son­dern eben auch die Min­der­hei­ten gegen­über der Mehr­heit. Sol­che tek­to­ni­schen sozia­len Ver­än­de­run­gen brau­chen ihre Zeit und kön­nen der Mehr­heit — sie­he das unaus­ge­reif­te Gen­dern — nicht ein­fach über­ge­stülpt wer­den.

3. Der neue Rechts­trend in Euro­pa und sei­ne Kon­se­quen­zen für die Poli­tik

Auch wenn es vie­len Leu­ten nicht passt und auch wenn es eine furcht­ba­re rechts­ra­di­ka­le Ver­gan­gen­heit in vie­len Staa­ten gibt, müs­sen wir Wege fin­den mit die­ser poli­ti­schen Rechts-Ent­wick­lung in der täg­li­chen Pra­xis zurecht zu kom­men. Kon­kret heißt dies: Es muss eine kla­re Tren­nung gezo­gen wer­den zwi­schen einer bür­ger­lich-rech­ten und einer rechts-radi­ka­len Hal­tung. Die inhalt­li­che Tren­nung zwi­schen bei­den ver­läuft etwa ent­lang der Linie: für oder gegen Euro und Euro­pa, für oder gegen die NATO, für oder gegen die demo­kra­tisch-frei­heit­li­che Grund­ord­nung, für oder gegen Gleich­be­rech­ti­gung aller Men­schen gegen­über einer völ­ki­schen Bevor­zu­gung inner­halb der Bür­ger.

Mit der ers­te­ren poli­ti­schen Hal­tung muss eine Zusam­men­ar­beit aller demo­kra­ti­schen Par­tei­en mög­lich blei­ben, auch wenn es man­chen schwer­fällt, wäh­rend die berühm­te Brand­mau­er gegen­über einer so defi­nier­ten rechts­ra­di­ka­len Hal­tung ein­ge­hal­ten wer­den muss. In Bay­ern sind die Pro­to­ty­pen die­ser Glie­de­rung klar aus­zu­ma­chen: die Frei­en Wäh­ler sind inner­halb des demo­kra­ti­schen Bogens, die AfD ist drau­ßen. Auf euro­päi­scher Ebe­ne ist man­ches schwie­ri­ger aber auch da kann man hof­fen, dass sich etwa die ita­lie­ni­sche Minis­ter­prä­si­den­tin Melo­ni — trotz faschis­ti­scher Ver­gan­gen­heit — zuneh­mend inner­halb des demo­kra­ti­schen Bogens bewegt, wäh­rend etwa ein Vic­tor Orban oder eine Marie Le Pen deut­lich außer­halb ste­hen.

4. Die neue Nr. 1 auf der Welt: Chi­na oder Ame­ri­ka?

Nach dem zwei­ten Welt­krieg war die glo­ba­le Welt Ord­nung leicht über­schau­bar: die Sie­ger­macht USA setz­te die glo­ba­len Maß­stä­be in Wirt­schaft, Poli­tik und Kul­tur. Das Land der „unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten“ war die unbe­strit­te­ne Nr. 1 auf der Welt und sei­ne demo­kra­tisch-frei­heit­li­chen Idea­le beein­fluss­ten die gan­ze Welt.

Ganz anders heu­te: das auto­kra­ti­sche Chi­na rüt­telt kräf­tig an der bis­he­ri­gen Welt Ord­nung und will ganz offen­sicht­lich die neue glo­ba­le Nr. 1 wer­den. Bei­de Groß­mäch­te ver­sam­meln auch die neu­en Blö­cke um sich: Chi­na die BRICS-Staa­ten, USA NATO und G 7. Sol­che grund­le­gen­den Neu­ord­nun­gen der Mäch­te­struk­tur haben in der Geschich­te bis­her immer dra­ma­ti­sche Aus­wir­kun­gen auf alle Betei­lig­ten gehabt.

Eine sol­che Dra­ma­tik muss heu­te unbe­dingt ver­mie­den wer­den, aber wie: eine Chan­ce sehe ich in der Tat­sa­che, dass im Unter­schied zu frü­her heu­te Wirt­schaft, Tech­nik, Inno­va­tio­nen und Infor­ma­tio­nen glo­bal so mit­ein­an­der ver­floch­ten und ver­netzt sind, dass ein glo­ba­ler mili­tä­ri­scher Macht­kampf kei­nen Sie­ger, son­dern nur schlim­me Ver­lie­rer her­vor­brin­gen wür­de. Wenn die­se Erkennt­nis bei allen Betei­lig­ten ange­kom­men ist, besteht die Chan­ce, die zu erwar­ten­den Rol­len­kämp­fe zwar mit allen mög­li­chen Mit­teln aber eben nicht mili­tä­risch aus­ge­foch­ten wer­den. Schön wird das trotz­dem nicht aber auch hier gilt die Devi­se: damit könn­ten wir Euro­pä­er leben.

Übri­gens: ein völ­li­ges Abkop­peln der deut­schen und euro­päi­schen Wirt­schaft von Chi­na ist gar nicht mög­lich! Bes­ten­falls kön­nen wir die Risi­ken redu­zie­ren aber eine völ­li­ge Tren­nung von chi­ne­si­schen Zulie­fe­run­gen ist fak­tisch nicht mehr durch­setz­bar

Die Bewäl­ti­gung des Kli­ma­wan­dels wird hier bewusst nicht in die glo­ba­le Kri­sen­be­wäl­ti­gung ein­be­zo­gen, weil für ihn ande­re Kri­te­ri­en und Zusam­men­hän­ge gel­ten.

Foto: Pix­a­bay