Die Zerschlagung eines Mythos – Gunzenhausen setzte sich mit dem NS-Vorbehaltsfilm „Jud Süss“ kritisch auseinander

von | 20. November 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). “Der Hass schlägt die Wis­sen­schaft, die­se Ver­an­stal­tung ist nicht rich­tig!“ Ein Satz wie ein Damo­kles­schwert und doch Aus­druck einer tief ver­wur­zel­ten Angst, die wir als mut­maß­lich auf­ge­klär­te Nach­kom­men der NS-Täter­ge­nera­ti­on latent in uns tra­gen. Wenn wir die ste­reo­ty­pen, vor Hass trop­fen­den Bil­der von damals wie­der ans Licht brin­gen und öffent­lich zei­gen – för­dern wir dann anti­se­mi­ti­sche Vor­ur­tei­le? Fakt ist: Der Spiel­film „Jud Süss“ ist ein nega­tiv kon­no­tier­ter Mythos, ein Stück Zel­lu­loid­ab­fall, um den sich vie­le Legen­den ran­ken. Seit der Befrei­ung durch die Alli­ier­ten liegt er im Gift­schrank der Geschich­te, ört­lich bei der Fried­rich-Mur­nau-Stif­tung in Wies­ba­den. Allein das Ver­bot hält sei­nen zwei­fel­haf­ten Ruf am Leben. Zur vor­bild­li­chen Erin­ne­rungs­kul­tur der Stadt Gun­zen­hau­sen gehört maß­geb­lich die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Unaus­sprech­li­chen. So haben wir „Jud Süss“ nun in vol­ler Län­ge auf der Hen­solts­hö­he gezeigt. Umrahmt wur­de das Pro­gramm von einer wis­sen­schaft­li­chen Ein­füh­rung und von einer anschlie­ßen­den Podi­ums­dis­kus­si­on mit renom­mier­ten His­to­ri­kern. Das zahl­reich erschie­ne­ne Publi­kum konn­te sich aktiv am Dis­kurs „Anti­se­mi­tis­mus zu Unter­hal­tungs­zwe­cken“ betei­li­gen. Musi­ka­lisch umrahmt wur­de der Abend von Ruth Tuff­ent­sa­mer an der Flö­te und Sig­rid Popp am Flü­gel.

„Die häss­li­che Frat­ze des Natio­nal­so­zia­lis­mus ist zurück.“ Har­te Wor­te, mit denen der His­to­ri­ker Dr. Tho­mas Greif den the­ma­ti­schen Teil des Abends begann. Unrecht hat er sicher nicht, denn Vie­les aus dem Drit­ten Reich ist längst wie­der mehr­heits­fä­hig. So ist die rüde Spra­che zurück, das Denun­zi­an­ten­tum oder das Spie­len mit Res­sen­ti­ments gegen­über Frem­den. Doch es ste­cken immer Men­schen hin­ter den Abgrün­den. Die­se gilt es zu bil­den und den Hass aus ihren Köp­fen zu ver­trei­ben. Für Dr. Greif ist „Jud Süss“ „Hard­core-Pro­pa­gan­da, die damals als sol­che nicht klar zu erken­nen war“. Ver­packt in die unschul­di­ge Form eines opu­len­ten und unter­halt­sa­men His­to­ri­en­films berei­te­ten Fil­me wie die­ser den Holo­caust mit vor. Zen­tra­les Ele­ment des Plots war die von den Nazis gefürch­te­te Blut­schan­de, ein Ver­ge­hen, für das auch der Jude Oppen­hei­mer am Ende des Films mit dem Tode bestraft wird. Unter dem stin­ki­gen Man­tel der Film­kunst wur­de anti­jü­di­scher Groll ange­facht, der sich 1940 wäh­rend diver­ser Kino­vor­füh­run­gen in spon­ta­nen Demons­tra­tio­nen gegen die jüdi­sche Bevöl­ke­rung ent­lud.

Wer heu­te den Film sieht, der bleibt rat­los und scho­ckiert zurück. Zahl­rei­che Wort­mel­dun­gen im Rah­men des nun ange­bo­te­nen Abends zeu­gen von einer Bedrü­ckung. Ein Wort­bei­trag fass­te es gut zusam­men: „Juden wur­den dämo­ni­siert und Vor­ur­tei­le mit der Holz­keu­le in die Köp­fe geschla­gen.“ Pla­ka­tiv spie­len Fil­me wie „Jud Süss“ mit unse­rer Wahr­neh­mung. Damals wur­de solch ein Pro­pa­gan­da­strei­fen im Schat­ten des Angriffs­kriegs auf Polen lan­ciert. Die Macht­ha­ber pro­bier­ten damit auch aus, wie weit sie gehen konn­ten. Umso wich­ti­ger ist es, dass Vor­be­halts­fil­me heu­te gezeigt wer­den dür­fen. Nur so gelingt eine kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung. „Die Geschichts­ver­ges­sen­heit ist ein Pro­blem unse­rer Zeit und bedroht mas­siv unse­re Demo­kra­tie“, ergänz­te Ers­ter Bür­ger­meis­ter Karl-Heinz Fitz. „Gera­de für jün­ge­re Men­schen sind Ver­bo­te nur ein zusätz­li­cher Anreiz. Ins­be­son­de­re Jugend­li­chen soll­ten wir mit Ange­bo­te wie die­sem hel­fen, sich selbst eine Mei­nung zu bil­den und Wider­sprü­che kri­tisch zu hin­ter­fra­gen.“

Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer forscht seit Jahr­zehn­ten zur NS-Ver­gan­gen­heit Gun­zen­hau­sens. „Die Akzep­tanz des Drit­ten Reichs und der damit ver­bun­de­nen Kon­no­ta­tio­nen reich­te tief ins Pri­va­te hin­ein. „Jud Süss“ war 1940 in Gun­zen­hau­sen der erfolg­reichs­te Film des Jah­res. Fast 2000 Ein­tritts­kar­ten wur­den ver­kauft, rund 400 davon gin­gen an Jugend­li­che.“ Der Film war beliebt und galt auch ohne Zwang von oben als „must see“. Der feder­füh­ren­de Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Dr. Joseph Goeb­bels setz­te nicht nur auf die schö­nen Bil­der eines Veit Harlans, son­dern zusätz­lich auf die Popu­la­ri­tät der Schau­spie­ler. Bekann­te Gesich­ter wie Kris­ti­na Söder­baum, Wer­ner Krauß oder Hein­rich Geor­ge lenk­ten vom eigent­li­chen The­ma ab und lie­fer­ten schein­bar unpo­li­ti­sche Unter­hal­tungs­wa­re.

Radio 8‑Moderatorin Bir­te Mon­tas­se­ri lei­te­te die Podi­ums­dis­kus­si­on mit Ruhe und Sach­ver­stand. Sie stell­te den his­to­ri­schen Wider­spruch her­aus, mit dem jüdi­sches Leben im Drit­ten Reich stän­dig kon­fron­tiert wur­de. Zahl­rei­che, vor allem durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten mani­fes­tier­te Bil­der, etwa das des Geld­ju­den, sind Zerr­bil­der, die sich hart­nä­ckig bis in die heu­ti­ge Zeit hal­ten. Die His­to­ri­ke­rin Dr. Andrea Erken­bre­cher sprach hier­zu einen wich­ti­gen Punkt an: Eine ein­deu­ti­ge Ant­wort kann es nicht geben, denn obwohl Auf­klä­rung im Vor­der­grund steht, ver­fes­ti­gen die Lein­wand­bil­der auch Vor­ur­tei­le. Wer Anti­se­mi­tis­mus vor­beu­gen will, der muss Bil­dung bie­ten und den Aus­tausch för­dern. Umso wich­ti­ger sind die gro­ßen Bemü­hun­gen, wel­che die Stadt Gun­zen­hau­sen seit vie­len Jah­ren aus­zeich­nen. So geht die deutsch-jüdi­sche Dia­log­grup­pe den Weg der Annä­he­rung, dazu fin­det ein Aus­tausch zwi­schen jun­gen Men­schen aus Gun­zen­hau­sen und Isra­el statt. „Wir wol­len ins Gespräch kom­men, denn wer jüdi­sche Men­schen kennt, der weiß, dass die gan­zen Vor­ur­tei­le gro­ßer Hum­bug sind“, betont Ers­ter Bür­ger­meis­ter Karl-Heinz Fitz.

Bild­un­ter­schrift: Anschlie­ßen­de Podi­ums­dis­kus­si­on mit Dr. Tho­mas Greif, Kat­rin Kas­pa­rek, Dr. Andrea Erken­bre­cher, Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer und Mode­ra­to­rin Bir­te Mon­tas­se­ri. Foto: Stadt Gun­zen­hau­sen, Tere­sa Bis­wan­ger