Eines langen Tages Reise in die Nacht – Ein literarischer Tritt in die Weichteile

von | 7. Februar 2025 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). Ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­ten wüh­len ger­ne in den Abgrün­den des Lebens. Ohne Rück­sicht auf Gefüh­le von Lese­rin­nen und Lesern arbei­ten sie sich wie dia­bo­li­sche Beob­ach­ter an mensch­li­chen Schick­sa­len ab, sezie­ren das viel­schich­ti­ge Dasein auf Erden bis zur nack­ten Emp­fin­dung. Übrig bleibt ein unan­ge­neh­mes, kaum zu beschrei­ben­des Gefühl, das sich bei der Leser­schaft als phy­sisch mani­fes­tier­ter „Kloß im Hals“ zeigt. Häu­fig kön­nen wir die Geschich­ten nur in Etap­pen lesen, mit Ehr­furcht und manch­mal auch Angst seh­nen wir das Ende der mit Schmerz und Trä­nen geschrie­be­nen her­aus­ge­ris­se­nen Stü­cke der mensch­li­chen Exis­tenz her­bei. Dane­ben sind wir aber auch glück­lich, ob der Schön­heit der Wor­te und sprach­li­chen Bil­der. John Stein­beck, Wiliam Faul­k­ner, Charles Bukow­ski, Paul Aus­ter – Meis­ter ihres Fachs und gleich­zei­tig lite­ra­ri­sche Toten­grä­ber. Zu denen gehört defi­ni­tiv auch der 1953 ver­stor­be­ne Euge­ne O´Neill, hoch­be­gab­ter Dra­ma­ti­ker, unan­ge­passt, alko­hol­krank und dem Leben sel­ten zuge­hö­rig gefühlt. Ver­gan­ge­nen Sams­tag wur­de auf der Stadt­hal­len­büh­ne in Gun­zen­hau­sen sein Werk „Eines lan­gen Tages Rei­se in die Nacht“ auf­ge­führt. Ein Jahr­hun­dert­stück, gran­di­os gespielt und ein lite­ra­ri­scher Tritt in die Weich­tei­le.

Zwi­schen Freund- und Feind­schaft liegt manch­mal nur ein kur­zer Moment – Euge­ne O´Neill erzählt in sei­nem Stück „Eines lan­gen Tages Rei­se in die Nacht“ von der ame­ri­ka­ni­schen Fami­lie Tyro­ne. Von außen betrach­tet eine Bil­der­buch­fa­mi­lie, wohl­ha­bend, erfolg­reich und benei­dens­wert. Die Innen­per­spek­ti­ve zeigt tie­fe Zer­ris­sen­heit und Ver­fall. Vater, Mut­ter, Sohn und Sohn kämp­fen gegen­ein­an­der und klam­mern sich an eine längst ver­lo­re­ne Ver­gan­gen­heit. Im Ange­sicht des Todes, Sohn Edmund ist tuber­ku­lo­se­krank, bre­chen die Emo­tio­nen her­aus und die Abhän­gig­keit von­ein­an­der wird zur Vor-Höl­le. Obwohl sie Ver­söh­nung her­bei­seh­nen, endet jede Zusam­men­kunft in gegen­sei­ti­ger Ver­let­zung, psy­chisch und phy­sisch. Nur die gedank­li­che Flucht zurück, gepaart mit der Dau­er-Betäu­bung durch exzes­si­ven Dro­gen­miss­brauch scheint – zumin­dest für kur­ze Momen­te — Erlö­sung zu brin­gen.

Judith Ros­mair, Peter Kre­mer, Igor Kar­bus und Fabi­an Strom­ber­ger spie­len den Plot nicht nur, sie leben ihn. Kom­pro­miss­los und radi­kal gezeich­net wech­seln Stim­mun­gen im Sekun­den­takt. Jede Sze­ne wird zum klei­nen Kunst­werk, inten­siv geht es zu und spiel­wü­tig. Gera­de Judith Ros­mair wird zum per­so­ni­fi­zier­ten Krank­heits­bild der Dis­so­zia­ti­on. Nach und nach zer­fällt die Psy­che ihrer Figur, am Ende schwebt sie im Mor­phi­um-Deli­ri­um als buch­stäb­li­ches Gespenst über die Büh­ne. Sie ist kör­per­lich gezeich­net, ihre Haa­re wer­den immer wil­der und spie­geln ihren Geis­tes­zu­stand. An Mut­ter Mary zeigt sich der Zustand der Fami­lie. Am Ende lie­gen alle am Boden, zer­stört und ent­täuscht, vier Per­so­nen, die zwar das Gute wol­len, aber stets das Böse pro­du­zie­ren. Die­ses inten­si­ve Spiel steckt an, im fas­zi­nier­ten Publi­kum war es zeit­wei­se toten­still. Wäre in die­sen Momen­ten eine Steck­na­del gefal­len, sie hät­te Lärm gemacht.

„Eines lan­gen Tages Rei­se in die Nacht“ ist so schwer ver­dau­lich wie das frän­ki­sche Schäu­fer­le kurz vor Schla­fens­zeit. Das Schlim­me ist, dass wir als Leser oder Zuschau­er mit kei­ner der Figu­ren sym­pa­thi­sie­ren kön­nen. Wir wol­len eine Bezie­hung ein­ge­hen, mit­fie­bern und den Prota- oder Ant­ago­nis­ten Gutes oder Schlech­tes wün­schen. Euge­ne O´Neill gewährt uns das nicht und macht uns damit zu (Mit)-Leidenden. Wir schlit­tern wehr­los in die Kata­stro­phe. Eine Auf­lö­sung oder Erup­ti­on gibt es nicht, an den gegen­sei­ti­gen Anschul­di­gun­gen und Ver­let­zun­gen der Fami­li­en­ban­de hat das Publi­kum (auch nach­dem das Licht ange­gan­gen ist) zu knab­bern. Die­ses Dra­ma ist trau­rig und macht trau­rig. Als Außen­ste­hen­der möch­te man bei­ste­hen und gute Rat­schlä­ge geben. Ins­ge­heim wis­sen wir aber um unse­re Hilf­lo­sig­keit. Oder wie es Euge­ne O´Neill sagen wür­de: „Das Leben ist nicht so ein­fach.“

Wei­ter geht´s mit der Gun­zen­häu­ser Thea­ter­rei­he in der Stadt­hal­le am 22. März 2025. Dann wird der Anti­kriegs­klas­si­ker „Im Wes­ten nichts Neu­es“ gezeigt. Tickets gibt es über die Tou­rist Infor­ma­ti­on (09831/508 300), online unter www.reservix.de oder an der Abend­kas­se.

Foto: Stadt Gunzenhausen/ Manu­el Gros­ser