Im Westen nichts Neues – Willkommen in der Hölle!

von | 24. März 2025 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). „Mit zer­bro­che­nen Brau­en, sil­ber­nen Armen – winkt ster­ben­den Sol­da­ten die Nacht.“ Der Dich­ter Georg Tra­kl war nur einer von ganz vie­len, die ab 1914 in den Sog einer nie dage­we­se­nen Apo­ka­lyp­se hin­ein­ge­zo­gen wur­den. In den nächs­ten vier Jah­ren tob­te der Ers­te Welt­krieg und vie­le Geschich­ten wur­den geschrie­ben, Geschich­ten über Leid, Schmerz, Tod und Ver­ges­sen. Die Welt war zu einem ande­ren Ort gewor­den und sonn­te sich schwer­ver­wun­det im Zustand eines Ner­ven­zu­sam­men­bruchs. Waren wäh­rend des Kriegs­trei­bens unzäh­li­ge Sol­da­ten namen­lo­ses Kano­nen­fut­ter geblie­ben, so gab es punk­tu­ell Lite­ra­ten, die ver­sucht haben, dem Unter­gang ein per­sön­li­ches Gesicht zu geben. So etwa Erich Maria Remar­que, der in sei­nem Anti­kriegs­ro­mank­las­si­ker „Im Wes­ten nichts Neu­es“ (1928) den anfangs 19-jäh­ri­gen Paul Bäu­mer den Schre­cken einer gan­zen Gene­ra­ti­on nach­er­le­ben lässt. Ver­gan­ge­nes Wochen­en­de wur­de der auf­wüh­len­de Stoff als Thea­ter­ad­ap­ti­on auf der Gun­zen­häu­ser Stadt­hal­len­büh­ne gezeigt.

Kriegs­teil­neh­mer berich­ten, dass Kamp­fes­lärm irgend­wann zum Grund­rau­schen wird. Ver­stum­men das Don­ner­grol­len der Gra­na­ten oder die Sal­ven der Maschi­nen­ge­weh­re, so erschlägt die Stil­le. Sie ist uner­träg­lich, bis hin zum ver­zerr­ten Geis­tes­zu­stand. Georg Tra­kl hät­te nun vom Weh­kla­gen der „Geis­ter der Erschla­ge­nen“ berich­tet, die die Nicht-Gefal­le­nen bis in die Träu­me ver­fol­gen. Das Münch­ner a.gon Thea­ter lässt ihrer „Im Wes­ten nichts Neues“-Besatzung kei­ne Chan­ce, sich die­ser Höl­le zu ent­zie­hen. Stän­dig lau­fen Bil­der von Schlacht­fel­dern über die Lein­wand und es kracht per­ma­nent. Krieg schläft nicht und er gewährt dem jun­gen Paul Bäu­mer und sei­nen Kame­ra­den kei­ne Ruhe­pau­se.

Aus dem Klas­sen­zim­mer her­aus wur­de Bäu­mer ange­wor­ben und auf den gro­ßen Kampf gegen den Erz­feind Frank­reich vor­be­rei­tet. Der Leh­rer, ein­dring­lich gespielt von Thors­ten Nin­del, ist ein Goeb­bels für Arme, ein faschis­ti­scher Dem­ago­ge, der sei­ne Kriegs­lüs­tern­heit und sei­nen Hass mit gro­ßen deut­schen Lite­ra­ten wie Hein­rich von Kleist begrün­det. Sei­ne Klas­se frisst ihm aus der Hand, doch schnell wird der Wunsch­traum von der Rea­li­tät ver­drängt. Was wir erle­ben, ist das Abschied­neh­men von einer Gene­ra­ti­on, so grün hin­ter den Ohren, dass sie das Leid viel zu spät kom­men sieht. Und die grau­sa­men Ein­drü­cke las­sen sich von den jun­gen Men­schen nicht ver­ar­bei­ten, sie trös­ten sich mit Gal­gen­hu­mor und dem Wider­stand im Klei­nen. Ver­letz­te ver­die­nen kei­nen Namen mehr, son­dern wer­den nach Krank­heits­bil­dern sys­te­ma­tisch sor­tiert und geord­net. Im Ober­stüb­chen herrscht die Anar­chie, der Geist flüch­tet vor dem Leben, ein jeder selbst ist sich der größ­te Feind. Sinn­bild­lich wird das, als ein front­u­n­er­fah­re­ner Major, feu­rig-kriegs­lüs­tern von Chris­ti­an Buse ver­kör­pert, Dis­zi­plin von den Kämp­fern ein­for­dert. Die­se haben aber längst kei­nen Bezug mehr zur Rea­li­tät, ihr Ver­hal­ten wird zum patho­lo­gi­schen Fall. Resi­gniert wen­det sich der Offi­zier von den „Ver­rück­ten“ ab.

Gabri­el N. Walt­her spielt den Paul Bäu­mer mit Hin­ga­be. Die anfäng­li­che Nai­vi­tät und Begeis­te­rung weicht nach und nach der Ver­zweif­lung. Es ist herz­zer­rei­ßend, als er der Mut­ter eines gefal­le­nen Klas­sen­ka­me­ra­den, gespielt von Lea Gesz­ti, die Todes­nach­richt über­brin­gen muss. Der lau­te Kla­ge­schrei um das ver­lo­re­ne Kind lässt die Zeit für einen uner­träg­li­chen Moment still­ste­hen. An der Brust des Paul Bäu­mer beweint sie nicht nur einen per­sön­li­chen Ver­lust, son­dern das Ende der Unschuld der eiser­nen Jugend. Noch längst nicht erwach­sen, sind die­se längst ver­brannt und für die Zukunft ver­lo­ren. Frei nach Remar­que beschränkt sich das Wis­sen der jun­gen Sol­da­ten nur noch auf den Tod.

Die Kriegs­teil­neh­mer mer­ken schnell, dass sie kein Recht haben, sich der Höl­le zu ent­zie­hen. So berührt es, als Paul Bäu­mer nach einem Laza­ret­t­auf­ent­halt wie­der an die Front zurück­kehrt und sich sehr über das Wie­der­se­hen mit den Kame­ra­den freut. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein – hin­ter dem Schmerz steht das Ver­lan­gen nach Auf­lö­sung. Das Ich hat kei­ne Bedeu­tung mehr, zu Hau­se fragt sich die Gesell­schaft nur, war­um es mit dem Krieg nicht schnel­ler geht und „was die Jungs eigent­lich so alles trei­ben.“ Selbst Bäu­mers Mut­ter ver­wen­det im Hei­mat­ur­laub mehr Ener­gie auf die Wahl der rich­ti­gen Unter­ho­sen für den Sohn, als dar­auf, das Leid des Geplag­ten zu lin­dern. Was bleibt ist die Wohl­fühl­oa­se an der Front, eine Anhäu­fung von gestör­ten Gleich­ge­sinn­ten, die nur noch auf den Tod war­ten.

Schau­spie­le­risch sol­len zwei Rol­len beson­ders gelobt wer­den. Peer-Robin Hagel über­rag­te sei­ne Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in Sachen Inten­si­tät und Spiel­freu­de. Sein Gesicht soll­te man sich unbe­dingt mer­ken, ins­be­son­de­re als geis­tig ver­wirr­ter Ver­wun­de­ter begeis­ter­te er das Publi­kum nach­hal­tig. Anna Wag­ner dage­gen trat als engels­glei­ches, tran­szen­den­tes Wesen in Erschei­nung. Sie war das Bin­de­glied zwi­schen Krieg und Frie­den, Tod und Leben. Das wei­ße, unschul­di­ge Som­mer­kleid wirk­te in Kom­bi­na­ti­on mit Stahl­helm fast schon pro­vo­ka­tiv, dazu beschenk­te sie Gefal­le­ne mit roten Rosen und stimm­te mit ergrei­fen­der Stim­me fran­zö­si­sche Trau­er­lie­der an. Wo Gott kei­nen Platz hat, wird Erlö­sung als uner­reich­bar emp­fun­den. Anna Wag­ner spiel­te eine per­so­ni­fi­zier­te spi­ri­tu­el­le Erfah­rung und war die Hoff­nung, wel­che mit dem toten Paul Bäu­mer in den Armen auch das an Sinn­lo­sig­keit kaum zu über­bie­ten­de Schluss­wort spre­chen durf­te: „Er fiel im Okto­ber 1918, an einem Tage, der so ruhig und still war an der gan­zen Front, dass der Hee­res­be­richt sich nur auf den Satz beschränk­te, im Wes­ten sei nichts Neu­es zu mel­den.“

„Im Wes­ten nichts Neu­es“ ist defi­ni­tiv kei­ne leich­te Thea­ter­kost. Es ist eine Geschich­te über die Schre­cken des Krie­ges und die Wir­kung des­sel­ben auf Geist und Zusam­men­halt. Lei­der wird eine sol­che Geschich­te nie­mals „out“ sein, aktu­el­le Ent­wick­lun­gen zei­gen das wie­der ein­mal. Wor­an das liegt? Erich Maria Remar­que gibt in sei­nem Roman die Ant­wort auf die­se wich­ti­ge Fra­ge: „Das Grau­en läßt sich ertra­gen, solan­ge man sich ein­fach duckt – aber es tötet, wenn man dar­über nach­denkt.“

Wei­ter geht´s mit der Gun­zen­häu­ser Thea­ter­rei­he in der Stadt­hal­le am 5. April 2025. Dann wird „Avan­ti! Avan­ti!“ gezeigt. Tickets gibt es über die Tou­rist Infor­ma­ti­on (09831/508 300), online unter www.reservix.de oder an der Abend­kas­se.

Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser