Interview mit Michaela Eberle, Hauptgeschäftsführerin der IHK Ostwürttemberg

Interview mit Michaela Eberle, Hauptgeschäftsführerin der IHK Ostwürttemberg

WZ: Sie sind seit November 2016 Hauptgeschäftsführerin der IHK Ostwürttemberg. Ihr Vorgänger Klaus Moser war 37 Jahre lang hier und davon zuletzt fast 20 Jahre als Hauptgeschäftsführer. Sie sind hier in eine Männerdomäne eingetreten mit nur zwei IHK-Chefinnen in ganz Baden-Württemberg. Sie sind noch sehr jung für so ein Spitzenamt, in das Sie die Vollversammlung gewählt hat. Wie fühlen sie sich mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe?
Michaela Eberle: Nach wie vor fühle ich mich sehr gut. Ich wusste, was auf mich zukommt. Und wenn ich etwas möchte, dann arbeite ich auch genau dafür. Ich verstehe mich als Moderatorin und Coach in unserem Haus, entscheide gerne und auch gerne schnell. Von daher habe ich kein Problem mit Verantwortung. Ganz im Gegenteil, ich mag es, Verantwortung zu tragen.

WZ: Wie konnten sie sich so schnell auf diese Aufgaben einstellen? Lag es daran, dass Sie bereits Jahre zuvor schon bei der IHK tätig waren und Sie sich entsprechend vorbereitet hatten oder kam das eher spontan?
Michaela Eberle:
Ich wusste ja ungefähr wann mein Vorgänger in Ruhestand gehen wollte. Da war dann für mich relativ schnell klar, ich will mich für die Nachfolge bewerben. Ich kannte zu diesem Zeitpunkt bereits nahezu alle Bereiche unseres Hauses; insbesondere die Weiterbildung, da ich dort meine Tätigkeit angefangen habe. Zudem kenne ich die duale Berufsausbildung, weil ich ja selbst das komplette deutsche Bildungssystem durchwandert habe – also von einer dualen Berufsausbildung über eine berufsbegleitende Fortbildung bis zum dualen Studium. Es folgten dann in meiner Arbeit Themen zu Volkswirtschaft und Standort. Alles bereichsübergreifende Querschnittsthemen, die auf die jetzigen Aufgaben vorbereiteten. Mir war klar, das ist genau mein Ding! Ich mag unseren Standort und ich mag unsere Unternehmen. Zudem stamme ich von hier und ich will, dass Ostwürttemberg auch weiterhin ein toller Wirtschaftsstandort, ein schöner Lebens- und Arbeitsraum ist und bleibt.

WZ: Welche Entscheidungen stehen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung der IHK in der Region Ostwürttemberg an?
Michaela Eberle:
Es geht ja nicht um uns. Mir ist immer wichtig, dass wir nach außen arbeiten, dass wir erfolgreich für den Wirtschaftsstandort, für die Unternehmen und deren Weiterentwicklung arbeiten. Dahinter verbirgt sich Wirtschaftsförderung, Gesamtinteressenvertretung und Politikberatung. In den nächsten Jahren steht auf jeden Fall die regionale Infrastruktur weiterhin auf unserer Tagesordnung. Um hier voran zu kommen, werden wir noch mehr Gas geben, sei es mit unserem politischen Engagement zur Schiene, bei der Straße oder der digitalen Infrastruktur. Wir dürfen uns als Region nicht abhängen lassen nur weil wir ein bisschen weiter von Stuttgart entfernt sind als andere. Wir sind zwar nicht Metropolregion; aber genau das ist wiederum auch unser Vorteil: Wir müssen ihn uns nur dazu machen. Großes Engagement legen wir auch darauf, unsere Mitgliedsunternehmen, primär die kleineren und mittleren Betriebe, bei der digitalen Transformation zu unterstützen. Das können wir mit dem Digitalisierungszentrum Ostwürttemberg (digiZ) und haben dabei schon einige Programme ins Leben gerufen. Erste Veranstaltungen und Workshops sind gelaufen. Demnächst wird es auch ein Marktscout-Angebot geben. Damit wollen wir ganz bewusst die Unternehmen auch mit externer Expertise und individuell begleiten lassen. Es soll z. B. zu detaillierten Fahrplänen und Umsetzungskonzepten kommen, wie Prozesse und Produkte digitalisiert werden können. Weiteres wichtiges Thema ist selbstverständlich und unverändert die duale Berufsausbildung und damit die Fachkräftesicherung. An diesem Dauerbrenner arbeiten wir ständig. Es gilt, alle Potenziale zu heben, die wir in der Region haben. Einige neue Projekte wurden hierzu bereits aufs Gleis gesetzt. Und in Sachen externes Standortmarketing wollen wir uns künftig noch stärker als bisher einsetzen und für Ostwürttemberg werben.

WZ: Wie sehen sie das Thema Mobilfunkstandard 5G? Wird dies zu einer großen Umstrukturierung innerhalb der Industrie und Wirtschaft führen?
Michaela Eberle:
Natürlich setzen wir auch in der Region auf den neuen Mobilfunkstandard der 5. Generation. Dieser wird für den nächsten großen Schritt in der Digitalisierung notwendig sein. Unsere Aufgaben sind derzeit zweigeteilt: Einerseits müssen in der Region die noch vorhandenen Lücken in der Breitbandversorgung sowie Funklöcher geschlossen werden. Andererseits muss auch die Planung für 5G-Netze in Ostwürttemberg angegangen werden. Wir müssen grundsätzlich darauf achten, dass wir hier nicht benachteiligt werden. Es werden aber dazu auch weit mehr Funkmasten benötigt. Hierbei muss dann auch wiederum die Bevölkerung mitgenommen werden. Generell plädieren wir dafür, dass zunächst Industrie-, Gewerbe und Mischgebiete entsprechend versorgt und angeschlossen werden.

WZ: Wie steht die IHK aus ihrer Sicht zu Weltoffenheit und Integration? Welche Maßnahmen treffen Sie und wo machen sie sich stark?
Michaela Eberle: Weltoffenheit und Integration ist ganz in unserem Sinne und nicht nur hier in Ostwürttemberg. Die ganze IHKOrganisation macht sich zu diesem Thema mit einem deutschlandweiten Appell stark. Wir haben sehr viele Mitmenschen, die vor Jahren und Jahrzehnten in die Region gekommen sind, um hier zu arbeiten und zu leben. Ich bin der Meinung, dass wir ein offener und toleranter Lebens- und Wirtschaftsstandort sind und das obwohl man uns teilweise als ländlichen Raum bezeichnet. Und darüber, denke ich, können wir stolz sein. Aber ich möchte dies etwas konkretisieren. Seit April 2016 haben wir mit Alexander Breyer einen „Kümmerer“, der über das Förderprojekt „Integration durch Ausbildung – Perspektiven für Flüchtlinge“ des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau in Baden-Württemberg gefördert wird. Mit dieser Stelle können wir uns ganz gezielt um die Integration von Zugewanderten in eine duale Berufsausbildung stark machen und dies mittlerweile seit drei Jahren. In den Anfängen des Projekts hatten wir es mit verschiedenen Herausforderungen zu tun. So haben wir uns in der IHK Organisation von Anfang an für ein Sprachniveau von mindestens B2 ausgesprochen, denn darunter ist eine Berufsausbildung kaum zu schaffen. Diese Hürde war für viele der Zugewanderten erstmal ein Hindernis, denn ein Großteil musste mittels Sprachkurse die deutsche Sprache erst erlernen. Dies haben jedoch viele der Geflüchteten dann zum Anlass genommen, um gleich ihren Haupt- oder sogar ihren Werkrealschulabschluss zu machen. Das hat alles etwas gedauert, aber heute können wir sagen, dass das Projekt wirklich sehr erfolgreich ist. Und wir sind aktuell in einer sehr glücklichen Lage aus Sicht der Auszubildenden, denn unsere Mitgliedsunternehmen bieten tolle Ausbildungsplätze an und werben um den Nachwuchs, und dabei spielt es keine Rolle, welche Nationalität der potenzielle Azubi hat, sondern welchen Ehrgeiz er mitbringt und insofern er nicht durch eine Abschiebung gefährdet ist. Wir als IHK wollen dabei unsere Mitgliedsunternehmen unterstützen, dass sie ihren Azubi nicht nur ausbilden können, sondern danach auch weiterbeschäftigen können. Das machen wir zum einen politisch, aber auch durch unseren „Kümmerer“, der sowohl die jungen Zugewanderten bei Behördengängen unterstützt als auch die Betriebe dabei berät, auf was sie achten müssen, wenn sie junge Zugewanderte ausbilden möchten. Herr Breyer kümmert sich also ganz konkret um die Belange und Bedürfnisse beider Seiten. Dazu sitzt er direkt in Heidenheim im Integrationszentrum im Haintal, weil er da das Netzwerk aller Akteure, von den ehrenamtlichen Organisationen bis hin zum Jobcenter und Ausländeramt, perfekt nutzen kann.

WZ: Gibt es noch etwas, bei dem die IHK Ostwürttemberg mit gutem Vorbild voran geht?
Michaela Eberle: Ja, 2017 habe ich entschieden, dass wir mit gutem Vorbild voran gehen und haben einen jungen Mann aus Syrien als Azubi eingestellt. Mittlerweile ist er im 2. Ausbildungsjahr, und ich freue mich sehr, über seine Leistungen, denn er steht unseren deutschen Azubis in nichts nach. Natürlich kann man nicht pauschal sagen, dass dies bei allen gleich gut funktioniert, aber das ist doch bei allen Menschen so, es gibt immer stärkere und schwächere, manche zünden früher und manche später – und wir hatten einfach Glück, so einen engagierten jungen Mann zu bekommen.

WZ: Im Mai findet die Europawahl statt. In welcher Rolle sieht sich die IHK Ostwürttemberg hier?
Michaela Eberle: Ein vereintes Europa ist nicht nur friedenssichernd. Es ist für die deutsche Wirtschaft insgesamt und damit auch für unsere regionalen Unternehmen von herausragender wirtschaftlicher Bedeutung. Eine Exportquote von 54 Prozent spricht für sich. Ein Großteil dieser Exporte geht wiederum in die EU. Entgegen allen verschiedener nationalen Bestrebungen ist es erklärtes Anliegen unserer Vollversammlung, die EU auf einem stabilen Fundament zu halten. Eine hohe Wahlbeteiligung wäre hierfür wünschenswert. Unsere Vollversammlung hat uns den Auftrag erteilt, den Unternehmen etwas an die Hand zu geben, um in den Betrieben hierfür zu sensibilisieren. Die wesentlichen Kennzahlen zur wirtschaftlichen Bedeutung Europas haben wir daher in einem kurzen Film zusammengestellt. Diesen haben wir auf unserem Twitter-Kanal eingestellt und werden ihn zusätzlich nochmals Anfang Mai prominent auf unsere Homepage platzieren. Außerdem werden wir in der Mai Ausgabe unserer IHK-Zeitschrift „Wirtschaft in Ostwürttemberg“ das Thema „Wählt Europa!“ aufgreifen. Enthalten sind dabei auch zahlreiche Unternehmer Statements mit Wahlaufrufen, um aufzuzeigen, wie wichtig das Thema für unsere regionale Wirtschaft ist.

WZ: Die Wirtschaft braucht Europa, Europa braucht die Unternehmen – welche Orientierungshilfen stellt die IHK ihren Mitgliedern für diese Fragen zur Verfügung?
Michaela Eberle:
Wir bieten ein breites Informations- und Beratungsangebot zu allen Fragestellungen unserer Unternehmen für ihre Geschäfte im EU-Binnenmarkt. Darüber hinaus haben wir mit den Europapolitischen Positionen zehn Top-Forderungen aufgestellt, was wir auch seitens der Wirtschaft erwarten, von Europa insgesamt; egal ob vor oder nach der Wahl. Wir sind hier natürlich auch politisch aktiv in der Gesamtinteressenvertretung. Das machen wir gemeinsam über den DIHK in Berlin und Brüssel. Was wir ganz aktuell für den Brexit erstellt haben, ist ein Online-Checklistentool. Damit können sich die Unternehmen bestmöglich und individuell vorbereiten. Jetzt haben wir ja wieder einen Aufschub der Brexit-Entscheidung bekommen. Es war ja lange nicht klar: Ist es der 29. März, ist es der 12. April, ist es irgendwann im Mai oder Juni? Wählt UK noch oder nicht?

WZ: Apropos Brexit. Glauben Sie noch daran?
Michaela Eberle: Ich bin erst mal beruhigt, dass die Entscheidung nochmal etwas verschoben wurde. Persönlich habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Großbritannien schlussendlich doch in der EU verbleibt.

WZ: Beim Jahresempfang der IHK war das Hauptthema ja Klimaentwicklung, Risikofaktor Nr. 1. Welche zukunftsweisenden Aufgaben gibt es und wie und in welchem Zeitfenster sollten diese umgesetzt werden?
Michaela Eberle: Zeit Fenster ist schwierig. Ich bin der Meinung, wir als IHK Organisation, und deshalb habe ich das aufgegriffen, dürfen nicht nur in der Gegenwart denken, sondern müssen zukunftsorientiert denken. Und wir müssen unsere Gesamtinteressenvertretung und Wirtschaftsförderung so verstehen, dass wir die Zukunftsthemen auf- und ernst nehmen, Chancen ergreifen und einen möglichen Wandel unterstützen. Es gilt, nicht nur zu bewahren, sondern dahingehend zu agieren, was in Zukunft sein muss oder was sein kann. Ich bin der Meinung, darin steckt auch großes wirtschaftliches Potential. Dies z. B. bei den Themen Energiewende, Klimaschutz, neue Antriebstechniken und Versorgungformen.

WZ: Wie steht es mit dem Ausbildungsangebot in der Region Ostwürttemberg? Welche Möglichkeiten bestehen, auch in Bezug auf das neue Ausbildungszentrum, für Schulabgänger zu Informationen und welche Aufgabe übernimmt die IHK.
Michaela Eberle: Das Ausbildungsangebot ist nach wie vor sehr gut in der Region. In manchen Wirtschaftszweigen und Branchen werden händeringend Azubis gesucht – wir haben aktuell mehr Lehrstellen als Bewerber. Diese Situation ist für die Azubis sehr komfortabel, für unsere Mitgliedsunternehmen wird es in Zukunft immer schwieriger, ihren Fachkräftebedarf zu decken. Deshalb bieten wir neben unseren klassischen hoheitlichen Aufgaben, wie der Ausbildungsberatung, der Betreuung der Auszubildenden und der Ausbildungsbetriebe sowie der Abnahme der Zwischen- und Abschussprüfungen mittlerweile eine Vielzahl an Bildungsprojekten an. Erst am 28. März hatten wir in unserem Bildungszentrum in Aalen 18 Mädels im Rahmen des bundesweiten Girl´s Day, an dem wir uns seit vielen Jahren beteiligen, zu Gast. Zudem haben wir die Ausbildungsbroschüre „läuft“ und den AzubiBlog mit dem wir Jugendliche zu verschiedenen Themen rund um die Berufsorientierung informieren wollen. Ein ganz neues Projekt sind die „Azubis on air“, also VideoLive-Formate auf Facebook, wo verschiedene Themen rund um die Ausbildung vorgestellt werden und die Jugendlichen auch live die Möglichkeit haben per Chat Fragen zu stellen. Bei der letzten Ausstrahlung haben wir einen Ausbildungsbotschafter, der den neuen Ausbildungsberuf Kaufmann für E-Commerce lernt, interviewt – die Interviews führt übrigens unser Azubi aus Syrien. Aber wir haben auch nach wie vor unsere Klassiker wie unsere bundesweite Lehrstellenbörse, bei der alle Unternehmen ihre offenen Ausbildungsplätze einstellen können, die Vermittlung von Bildungspartnerschaften und viele mehr. Und wir haben noch ein ganz neues Projekt – den AzubiPass – eine Woche Azubi auf Probe. Letzte Woche war sogar eine Schülerin da, weil wir unsere eigenen Projekte immer gerne testen, um zu wissen, ob wir da etwas Gutes entwickelt haben oder nicht. Es funktioniert ganz einfach, die Unternehmen können Azubipässe bei uns beantragen. Das sind wiederum Standardkarten, die von den Firmen auf der Rückseite mit ihrem Firmenstempel versehen werden und die sie dann auf den Ausbildungsplatzmessen oder wo sie sonst aktiv sind an interessierte Schülerinnen und Schüler ausgeben können, von denen sie der Meinung sind, der- oder diejenige sollte unbedingt für eine Woche als Azubi auf Probe ins Unternehmen kommen. Das unterscheidet sich deshalb von einem Standardpraktikum, weil eben der Schüler oder die Schülerin vom Azubi im Unternehmen selbst betreut werden soll und somit eben diese eine Woche Azubi auf Probe ist. Dabei erfährt der Azubipass-Teilnehmer welche Inhalte in der Ausbildung vermittelt werden, wie ein Ausbildungsnachweis geschrieben wird und viele andere Themen und FAQs rund um die Ausbildung und den Ausbildungsberuf. Außerdem kann der Teilnehmer zeigen, dass er vielleicht der potenzielle nächste Azubi des Unternehmens sein kann; aber auch das Unternehmen profitiert, es kann sich den Jugendlichen bereits vorstellen. Sprich, es ist auch ein Instrument im Azubimarketing für unsere Unternehmen. Sie sehen, wir haben einen bunten Blumenstrauß an Bildungsprojekten, damit wir unsere Mitgliedsunternehmen bei der Fachkräftesicherung und der Nachwuchsgewinnung unterstützen können.

WZ: Liebe Frau Eberle, vielen Dank für das Interview.

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